PUSTEBLUMEN SCHULE (NLP-METAPHER)
Letzter Tag in der Wiesenschule. Die Pusteblumen-Klasse wird entlassen und die Lieblingslehrerin aller Pusteblumen hält die Abschiedsrede.
Es ist Frau Chance, eine freundliche Frau mit gütigen Augen und ungebremster Lebensfreude, die den ihr anvertrauten Pusteblumen in den letzten Schuljahren Zuversicht und Lebenstauglichkeit beizubringen versucht hat.
Es ist ein großer feierlicher Moment, als die Pusteblumen die Wiesenschule verlassen und der Wind sie mit einem kräftigen, entschlossenen Stoss in alle Lüfte verteilt. So auch Frieder, den zierlichen Löwenzahnsamen. Kaum hatte er noch gedacht, wie wundervoll sich Schweben anfühlt, als er unsanft landet.
„Aua, aua“, schluchzt er auf und hält sich den Kopf. Damit nämlich war er zuerst gelandet, und ganz und gar auf keiner grünen satten Wiese, so wie er erhofft hatte, sondern auf hartem Asphalt.
„Ich hab bestimmt eine Gehirnerschütterung“, denkt er und ruft laut nach einem Krankenwagen für Löwenzähnchen. Es nähert sich eine mürrisch aussehende und dunkel gekleidete Frau mit den unfreundlichen Worten: „Was ist denn das hier für ein jämmerliches Geschrei, wer stört denn meine Ruhe?“. Frieder berichtet in hastig gesprochenen Sätzen und erbittet Hilfe.
“Ich Dir helfen?“, spricht die Frau, „das ist ja der köstlichste Witz, den ich jemals gehört habe!“. Sie lacht hämisch auf. „Weißt Du denn überhaupt, wen Du vor Dir hast, du Wicht? Ich bin Frau Krise, meine Aufgabe ist es Dich in Schwierigkeiten zu bringen. Da werde ich Dir doch nicht helfen, du Zwerg! Da mach ich doch meinen eigenen Job kaputt.“ Kaum ist der Satz zu Ende, da macht sie sich auch wieder davon.
Frieder bleibt mit Kopfweh zurück, seine Stimme ist vom lauten Rufen schon ganz heiser und der Mund ist trocken. Er hat Durst, er hat einen Riesendurst. Aber wie bitte soll er seine Löwenzahnsamenbeinchen in den Asphalt bohren, um an das erfrischende Grundwasser zu kommen? Hoffnungslos. Darauf hatte ihn Frau Chance nicht vorbereitet und er ist richtig sauer auf sie. Und wo sind überhaupt die anderen Löwenzahnsamen: die pummelige Rita, der freche John und die rothaarige Laura? Friedel kneift die Augen zusammen, schaut sich die Umgebung genau an und da sieht er die drei auf einer saftigen Wiese ganz in der Nähe. Sie haben sich schon häuslich eingerichtet, Frau Chance ist bei ihnen und gibt ihnen Tipps. Keiner hört Frieders Rufen und Flehen. Fast keiner. Wieder kommt Frau Krise und macht sich über ihn lustig.
Und obwohl er so durstig ist und obwohl seine Beinchen so dünn sind und obwohl er ziemlich viel Angst hat, kommt in ihm ein Gefühl hoch, das er bisher noch nicht kennt. Er spürt eine trotzige Stärke, verbunden mit der festen Gewissheit, dass Frau Krise ihn, den lebenshungrigen Frieder, so schnell nicht unterkriegen wird.
“Nicht mit mir, mit mir nicht“, raunzt er ihr zu. Er sammelt seine Kräfte, atmet tief und ruhig ein und beginnt in einer Ritze des Asphalts zu bohren und zu graben.
Salzige Schweißperlen rinnen ihm von der Stirn über sein Gesicht, aber er gönnt sich kaum eine Pause. Längst ist es Nacht geworden, auf der benachbarten Wiese ist Ruhe eingekehrt. Laura, Rita und John schlafen und Frau Chance wacht über deren Schlaf.
Frieder bohrt und gräbt und bohrt und gräbt. Sein Rücken schmerzt, seine Beine spürt er kaum noch und am Kopf hat er eine große Beule. Das Löwenzahnleben erscheint ihm in diesem Moment sehr ungerecht und er hadert mit seinem Schicksal. Frau Krise freut sich darüber augenscheinlich sehr und teilt ihm das auch sofort schadenfroh mit.
Aber dann spürt Frieder plötzlich etwas Kühles an seinen Beinchen. Zuerst ist es nur wunderbar erfrischend kühl, aber dann wird es auch noch nass. Wasser!
Frieder trinkt und schlürft, bis ihm ein sattes Aufstoßen entfährt. „Mahlzeit, unerzogener Lümmel“, keift Frau Krise. Frieder ist müde, aber glücklich. Er hat es geschafft. Nun ruht er sich erst mal aus.
Als er aufwacht, sitzt Frau Chance neben ihm. Frieder stutzt: „Jetzt brauchen Sie auch nicht mehr zu kommen“, mault er, „gestern, da hätte ich Sie so nötig gebraucht, aber da waren Sie fern und haben sich nur um die anderen gekümmert.“
“Aber Frieder,“ erwidert Frau Chance mit ruhiger Stimme, „ich war doch die ganze Zeit bei Dir. Du hast mich nur nicht erkannt.“
“Ich Sie nicht erkannt?“. Frieder versteht nur noch Bahnhof. War Frau Chance auch auf den Kopf gefallen? Weil sie nun so wirres Zeug redet?
“Weißt Du, Frieder”, fährt sie fort, „ich habe Dich als Frau Krise verkleidet besucht, weil ich wusste, dass du daran wachsen kannst. Laura, John und Rita, die sind noch nicht soweit. Aber du, lieber Frieder, Du bist stark. Merke Dir also für Dein Leben:
Die Krise ist nur eine verkleidete Chance.“
Verfasserin und Copyright: Vera Apel-Jösch www.apel-jösch.de